Wo einst Raffaels Madonna di Foligno zuhause war

Ein vergessener Kosmos der Renaissance...
Es gibt Momente auf Reisen, da gerät die Zeit ins Wanken. Das Herz eines Kunstliebhabers summt dann plötzlich wie ein Kolibri – voller ungläubiger Freude.
Genau das geschieht im Sommer 2026 tief im Herzen Umbriens, hinter den dicken Mauern des Klosters St. Anna in Foligno.
Wir sind die einzigen Gäste an diesem magischen Ort. Die Luft ist schwanger von Spiritualität, Jahrhunderten des Gebets und der wunderbaren Präsenz bahnbrechender Kunst. Nur noch sechs Schwestern der Franziskanischen Tertiarinnen der Seligen Angelina halten diesen historischen Kosmos heute am Leben.
Eine von ihnen, eine Nonne mit brasilianischen Wurzeln, führt uns tiefer und tiefer in das verschachtelte Labyrinth des Gebäudes. An ihrem Gürtel klimpert ein mächtiger Schlüsselbund – der Code zu Räumen, die normalen Augen verschlossen bleiben.


Der Speisesaal
Ringsum leuchten lebendige Fresken des Abendmahls, flankiert von jahrhundertealten, bäuerlichen Alltagsszenen.


Das Nebengebäude
Hier verharren wir atemlos vor den Wänden. Im Putz zeichnen sich die faszinierenden Sinopien ab – die originalen Vorzeichnungen des Meisters Niccolò di Liberatore, genannt L'Alunno (1430–1502). Seine Entwürfe zeigen die Technik auf, wie die Renaissance Maler Meisterwerke herstellten.

Die Krypta
Wir steigen hinab in ein Tonnengewölbe. Im Halbdunkel drängen sich Kisten, schwere Kandelaber und historische Majoliken aus dem 15. Jahrhundert. Und mittendrin: der ursprüngliche, hölzerne Sarg der Klostergründerin, der Seligen Angelina von Marsciano.



Die Kapelle
Im oberen Geschoss erwartet uns die eindrucksvolle Klosterkapelle. Ihre Wände erzählen in leuchtenden Farben vom Leben der heiligen Angelina. Hier befand sich einst auch Raffaels berühmte Madonna di Foligno, bis sie 1797 auf Napoleons Befehl ihre Heimat verlassen musste.

Klosterzelle
Während wir längst jedes Gefühl für Raum und Zeit verloren haben, führt uns die Schwester mit einem warmen Lächeln sicher durch das alte Gemäuer. Spontan zeige ich ihr auf meinem Smartphone meine Webseite „CharlyGalerie“ mit meiner Marien-Ikone. Sie betrachtet das Bild aufmerksam, lächelt still und scheint einen Moment nachzusinnen. Dann hebt sie sanft die Hand und bedeutet uns, ihr zu folgen. Wir können es nicht fassen, wir dürfen in den Klausur Bereich des Klosters, sehen wieder herrliche Malereien und die winzig kleine Zelle der Heiligen Angelina Marsciano (1357-1435), ehrfürchtig zum Andenken an die Heilige dekoriert.
Liebevoll geschmückt und von schlichter Schönheit erfüllt, scheint dieser kleine Raum den Geist der Heiligen bis heute zu bewahren. Ehrfürchtig verweilen wir einen Augenblick.
Es liegt nicht nur an unseren bescheidenen Italienischkenntnissen, dass wir verstummen – für diesen Augenblick fehlen uns schlicht die Worte. Tief beeindruckt verabschieden wir uns von der liebenswürdigen Schwester mit brasilianischen Wurzeln und hinterlassen eine kleine Spende, die sie zunächst bescheiden ablehnt.
Am Klostertor wartet bereits eine andere Schwester. Ganz weltlich und praktisch hält sie die Fernbedienung für das automatische Tor in der Hand.
Langsam öffnet sich das schwere Tor, sie winkt uns freundlich nach – ein stiller Gruß zwischen klösterlicher Abgeschiedenheit und moderner Welt.
Behutsam lenken wir unser Auto durch die enge Ausfahrt und anschließend durch die noch schmalere Gasse des alten Städtchens. Langsam verschwindet das Kloster hinter den Mauern, doch das Gefühl dieses besonderen Ortes begleitet uns weiter.
Manche Orte besucht man – andere nehmen einen für immer in ihr Herz auf. Dieses Kloster gehört für uns zu Letzteren.


Das Versteck des genialen Meisterwerks
Was dieser verwunschene Ort heute nur noch in seinen Mauern flüstert: Er war über Jahrhunderte der Safe für eines der größten Genies der Menschheit. Genau hier, wo heute die Stille regiert, hing einst Raffaels „Madonna di Foligno“ (1511/1512).

Das Bild war ein monumentales Dankeschön an den Himmel: Ein päpstlicher Sekretär hatte es bestellt, weil sein Haus wie durch ein Wunder einen Blitzeinschlag überstanden hatte. 1565 brachte eine Nonne aus seiner Familie das unschätzbare Meisterwerk mit nach St. Anna.
Über 230 Jahre lang beteten die Schwestern im Schein der Kerzen vor Raffaels göttlichem Licht. Bis zum schicksalhaften Jahr 1797: Napoleons Truppen marschierten ein, rissen das Bild von der Wand und verschleppten es als Kriegsbeute nach Paris. Zwar kehrte es 1815 nach Italien zurück, doch der Papst behielt es in Rom. Heute glänzt es in den Vatikanischen Museen – im Kloster blieb nur eine sehnsüchtige Kopie zurück.
Wer jedoch durch die Gänge von St. Anna geht, spürt: Die Seele des Bildes ist nie ganz abgezogen.






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